Bela B. Felsenheimer: Scharnow – Highlight der ganz besonderen Art

Ein Stück weit merkt man es: Felsenheimer wollte eigentlich eine Kurzgeschichten-Sammlung schreiben – und im Grunde hat er das auf gewisse Weise auch getan. Jedoch hat er die einzelnen Geschichten in einer großen Geschichte verwoben, die klar Genre-Grenzen sprengt, auf eine wirklich erfrischende Weise. So ist es zunächst tatsächlich ein wenig schwierig, der Handlung zu folgen, an der rund 50 Figuren beteiligt sind. Auch nach zwei Dritteln der Handlung werden noch neue Figuren eingeführt – erfrischend!

Das Setting

Im ostdeutschen Scharnow passieren eine Menge seltsamer Dinge – und die hängen auf eine ganz und gar eigenartige Weise zusammen. Da gibt es schrullige Figuren unter den Einwohnern, trainierte Trinker, die im Suff idiotische Dinge tun, Verschwörer, die ausgerechnet in Scharnow… und und und…
Und am Ende entsteht dadurch auf eine ganz und gar ungewöhnliche Weise eine runde Geschichte, auf die man sich zwar zunächst einmal einlassen muss, durch die man dann als Leser aber belohnt wird. Das ist kein typischer Krimi, das ist oft burlesk und urkomisch, dann wieder spannend, aber alles hat eine Leichtigkeit, die den frühen unbeschwerten Ärtzte-Songs nahekommt, die Felsenheimer in den 80er Jahren ganz entschieden mitgeprägt hat. Darauf muss man sich einlassen, wird aber belohnt.

Sprache und Spannung

Felsenheimer ist sicherlich kein Literat, der sich in extatischen Metaphern ergeht und literarische Zeichen setzen will – seine Sprache ist oft einfach, nie flapsig, aber immer leicht und führt zu einem hohen Lesentempo.

Das tut der Spannung gut, denn langweilig wird es in Scharnow nie – und das ist auch sprachlich so: Felsenheimer zeigt Geschichts- und Wortakrobatik eher in der Art, dass er einfach alles unter Kontrolle hat, die Figuren in einer Weise verbindet, dass man oft überrascht ist, lachen muss, mitfiebernd, aber stets weiss, dass Felsenheimer einem augenzwinkernd gegenübersteht. Manchmal fühlt man sich im guten Sinne an Klassiker wie Puppenmord von Tom Sharpe erinnert.

Fazit

Cool, Erfrischend, ungewöhnlich. Bela B ist nicht nur ein großer Musiker, Filmversteher und Charakterkopf – er ist offensichtlich auch ein Autor.
Respekt vor einer breiten kulturellen Begabung. 96 Punkte – aber nur für Leute, die mit der brutalen Menge der Charaktere umgehen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.