Jörg Maurer “Der Tod greift nicht daneben”: Internationales Morden in beschwingter Distanziertheit

“Der Tod greift nicht daneben” mag als Buchtitel ja nun mal wirklich kein Highlight sein – irgendwie klingt das Ganze dann ja doch ein wenig zu sehr nach Grabbeltisch-Titel. Aber hey – wir reden hier von Jörg Mauerer, der schon mit 6 Büchern davor für gehobene Krimikunst steht – ein Autor, dessen erzählerische Leichtigkeit zum Teil schon an Eduard Mörickes bessere Stunden heranreicht. Und diesmal?

Der Tod greift nicht daneben – Das Setting

Hubertus Jennerwein, der leitende Ermittler, wenn im doppelnamigen Kurort bei Jörg Maurer gemordet wird, taucht diesmal verhältnismäßig spät auf – zunächst einmal lernen wir einen bajuwarischen Schweden kennen, der sich so sehr in die Kultur des Werdenfelser Landes eingelebt hat, dass er praktisch schon ein Bayer ist – aber wir dürfen uns nicht zu sehr an ihn gewöhnen, denn sehr bald schon gerät er in einen Industrie-Häcksler und wird zu einer Masse, deren Mörder es nun zu ermitteln gilt. Und hier ist sehr schnell klar: Der Autor macht uns den Maurer. der-tod-greift-nicht-daneben“Der Tod greift nicht daneben” ist ein ganz und gar typischer Hubertus Jennerwein-Krimi; einer, bei dem die Liebe zu Land und Leuten & zur Kultur eine feste Säule bildet – ohne, dass es sich hiebei um auf Biegen und Brechen herbeizitierten Lokalkolorit handelt, wie etwa in den diversen schwächeren Büchern von Nele Neuhaus.

Auf Akinetopsie wird diesmal jedoch verzichtet, obwohl die Story Stress-Situationen bereithält, in denen die Stammleserschaft sicher fast sicher damit rechnet.

Auch sonst wird wieder viel für die Stammleser getan. Nahezu alle alten Bekannten spielen wieder mit, wenn auch nur am Rande der Geschichte – so etwa das Ex-Bestatter-Ehepaar Grasegger, die diesmal eine bizarre Weltreise unternehmen und auf ihre Weise mit ermitteln. Es gibt auch wieder rauchfreie Rauchpausen, die es wohl weltweit nur bei Kommissar Jennerwein und seiner eigenartig zusammengewürfelten und lieb gewonnenen Truppe gibt. Das hat schon was und man fühlt sich beinahe heimisch – im besten Wortsinne.

Über lange Strecken fürchtet der Leser diesmal, eine Auflösung zu finden, die arg an den Haaren herbeigezogen sein könnte, wird aber in die Irre geführt – auf handwerklich wie storytechnisch ungemein geschickte Art und Weise – wie so oft beim Jennerwein. Und dass der blödsinnig wirkende Titel dann am Ende so gar nicht blöd, sondern vielmehr sehr durchdacht ist, gibt es bei Jörg Maurer on top.

Sprache & Spannung in Der Tod greift nicht daneben

Wie auch schon einige andere Krimis aus der Reihe bietet “Der Tod greift nicht daneben” keine typische Spannung mit Hetzjagden oder ähnlichen Krimi-Stil-Elementen. Hier ist Jörg Maurer auch diesmal wieder in seiner sehr speziellen Art besonnen, was jedoch in “Der Tod greift nicht daneben” beinahe ein wenig zu weit geht und dem Buch durchaus Längen gibt. Längen ohne erkennbare Not, wie etwa die Aufarbeitung einer Geschichte durch eine Nebenrolle, die die Tagebücher einer der Hauptfiguren ließt. Das ist ein Kunstgriff, der literarisch durchaus interessant ist, der Geschichte jedoch einerseits keinen Mehrwert liefert, andererseits auch noch im Sande verläuft, als hätte Jörg Maurer es bei seiner Komposition geradezu vergessen.

Doch, auch hier wird gemordet....

Doch, auch hier wird gemordet….

Das gilt diesmal an einigen Stellen – ob literarisches Stilmittel oder nicht: Jörg Maurer greift das Thema am Ende sogar noch einmal in einem 20 seitigen Abspann auf, der alle losen Fäden aufnimmt und diese aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt und auflöst, soweit noch möglich uns sinnvoll – ungewöhnlicher Weise primär durch eine allwissende Birke erzählt. Das klingt schräg, ist es auch in seiner eigenen Weise, obwohl es Charme hat. Aber das typische Augenzwinkern, wie die Leser es aus Vorgängerwerken wie “Niedertracht” oder “Föhnlage” kennen, gelingt dem Autoren diesmal nicht, was schade ist.

Top: Der Handlungsstrang der ermittelnden Gerichtsmediziner, der diesmal mit 4 Vollblut-Laien besetzt ist und doch ebenso viel Hirn zeigt, wie auch Liebe zur Figur in einer typischen Jörg Maurer Weise, die dem Leser am Ende ein paar Sachen ganz bewusst nicht erzählt, was hier Charme an und eben von der leichten und beschwingten Kunstfertigkeit zeugt, die man so wirklich nicht oft antrifft. Top.

Fazit “Der Tod greift nicht daneben”

77 Punkte
Obwohl wir hier einen echten Jennerwein vor uns haben, gelingt Jörg Maurer die lässige Komposition einiger Vorgänger hier nicht in Gänze. Selbst der sehr statisch und kompliziert angelegte Vorgänger “Felsenfest” war trotz weit schwierigeren Plots ein deutlich beschwingteres Buch – sprachlich ebenso, wie in der Anlage der Figuren.
Dennoch halten wir mit “Der Tod greift nicht daneben” einen handwerklich guten Krimi in Händen, der immer noch beschwingt und leicht zu lesen ist – schon auch aufgrund der vielen kurzen Sinn-Einheiten ein toller Reise-Krimi – und wir freuen uns schon auf den nächsten und fragen uns, ob es diesmal noch an den Gardasee geht?

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