Re-Read 1/10: Die Tote im Götakanal
Wenn es etwas wie das Urmeter des schwedischen Krimis gibt, dann ist es die Dekalogie von Sjöwall und Wahlöö, deren erster Band „Die Tote im Götakanal“ bereits 1965 erschien. In Deutschland kennt man eher die TV-Umsetzung „Kommissar Beck“, die jedoch in großen Teilen nur noch auf den Figuren der 10 Bücher aufbaut.
Aber wie fühlt sich das Lesen eines solchen Buches an? Kann man das heute noch lesen?
Vorab: Kettenraucher, aber kein Sexismus
Wäre der erste Teil der Dekalogie ein Buch von heute, das im Jahr 1965 spielt, würde man den Autoren vermutlich vorwerfen, Zigaretten unmäßig verherrlicht zu haben. Aber es handelt sich in dem Falle ja um Zeitzeugen, um ein historisches Dokument sozusagen. Und ja: Dass man so unglaublich viel rauchen kann, erscheint aus heutiger Sicht regelrecht grotesk.
Erfreulich: Anderes, was man erwarten würde, tritt nicht auf. Wer heute deutsche Krimis von 1965 liest, falls er noch welche findet, kann sich an vielen Stellen nur wundern. Das Autorenpaar lebte jedoch in einer Gesellschaft, die einen halben Schritt weiter war. Mussten deutsche Frauen in den 60ern noch froh sein, dass man ihnen eigene Bankkonten zugestand (ja, Kinder – kein Witz!), sah die schwedische Gesellschaft hier schon anders aus.
So gibt es keine Figur vom Schlage einer Ewa Moreno (Håkan Nesser) oder Kerstin Holm (Arne Dahl), aber das wäre auch zu viel verlangt gewesen im Jahre 1965. Auch in Schweden. Frauen werden hier noch geschont und stehen nicht in vorderster Front, aber ihre Präsenz ist eine ganz andere und schon deshalb auch zeithistorisch lesenswert. In diesem Fall ist sogar eine junge Beamtin ganz vorne bei den Ermittlungen beteiligt. Und am Ende ist auch den Männern klar, dass der Fall ohne sie nicht lösbar gewesen wäre.
Anachronistisch erscheint dem Leser heute vielleicht auch, dass die Polizisten keine Dienstfahrzeuge haben. Es wird mit Bus und Bahn durchs Land gefahren. Aber so war das eben.
Was kann der Fall?
Maj Sjöwall und Per Walhöö wussten, was sie tun, das spürt man auch heute noch. Die beiden, die faktisch den Grundstein des Nordic Noir in seiner heutigen Form legten, sind journalistisch präzise und doch unterhaltsam. Und sie schonen die Leser nicht. Wenn eine Ermittlung länger dauert, dann erleben wir das auch.
Hinzu kommt, dass alles das, was man heute in Ermittlungen erlebt, damals weit weniger ausgeprägt war oder noch nicht vorhanden. Die Forensik beschränkt sich hier noch auf Fingerabdrücke. Niemand kann lässig DNA-Samples hervorzaubern oder gar digitale Spuren auswerten. Im Grunde muss man fast sagen: Das macht einiges spannender, handwerklicher und reizvoller.
Was fehlt?
Im Grunde nichts oder nicht viel. „Die Tote im Götakanal“ ist auch heute noch spannend und auch gut lesbar. Man spürt auch immer noch, was in den präzise recherchierten und wohldurchdachten Fällen steckt.
Was erst später Einzug hielt, ist der Blick auf die psychologischen Komponenten und die Motive. Das ist hier noch anders. Im Grunde kam das erst mit den frühen Büchern von Henning Mankell, wenn man sich in diesem Genre umsieht. Heute ist es oft nicht mehr wegzudenken.
Heute noch lesen?
Auf jeden Fall! Uns ist der immer noch 96 Punkte wert.