Jean-Luc Bannalec “Bretonische Verhältnisse”: Kaffee, Kunst, Küste – Krimi aus dem Herzen

Jean-Luc Bannalecs “Bretonische Verhältnisse” ist der erste von bisher 3 Fällen für Kommissar Dupin. Dupin ist ein kauziger Typ, der von Paris zu den Bretonen versetzt wurde, weil er einer ist, dem Obrigkeit nicht viel bedeutet und der manchmal seinen Mund nicht halten kann. Und zufällig hört er auf den gleichen Namen wie Edgar Allen Poes Detektiv in “Der Doppelmord in der Rue Morgue”.

bretonische_verhältnisseDa klingeln am Anfang schnell mal die Klischee-Glocken, schnell merkt man aber, dass Jean-Luc Bannalec es mit dem Thema nicht übertreibt, sondern die Distanz des Mannes aus Paris benötigt, um durch dessen Augen dann sehr bewusst und analytisch die bretonischen Besonderheiten zu beschreiben. Dabei eilt stets Dupins beflissene und doch selbstbewusste und vor allem nationalstolze Sekretärin Nolvenn zur Hilfe. Ohne die lässt sich keiner der Fälle lösen, denn wir erleben mit Dupin in bislang 3 Büchern einen Ermittler, der nie in seinem Büro ist, sondern seine Präsenz im Büro stets durch Telefonate mit Solvenn ersetzt. Das ist charmant, wird aber im Detail auch eintönig.

Das Setting von “Bretonische Verhältnisse”

Jean-Luc Bannalecs “Bretonische Verhältnisse” ist in manchen Belangen beinahe mehr Theaterstück als klassischer Roman, da es im Grunde auf sehr begrenzten Bühnen spielt. Die entschieden wichtigste Bühne ist dabei das Hotel, dessen Besitzer gleich zu Beginn den Tod findet und Dupin überhaupt erst auf den Plan ruft.

Wir erleben Dupin von Beginn an als einen sehr eigensinnigen Mann, der nicht viel Wert auf geschliffenes Verhalten legt, sondern Leute in seiner Umgebung auch oft vor den Kopf stößt, grob agiert und seine Mitarbeiter oft nicht einbindet, sondern den Alleingang schätzt.
Das ist ignorant und verletzend – dient aber wie so oft der Sache und ist natürlich in vieler Hinsicht stereotyp (und wandelt sich erst in Band 3 ein wenig). In vielerlei Hinsicht lässt das Dupin zum Superstar werden – die Art Ermittler, die in sich gekehrt ist und plötzlich mit einer unerwarteten Lösung herausplatzt. Das ist ein wenig aktbacken, funktioniert aber für diesen ersten Fall erstaunlich gut, da der Leser am Ende zwar überrascht sein mag, dann aber doch erkennt, dass die Hinweise dicht genug gestreut worden waren.

Bretonische Verhältnisse: Sprache & Spannung

Pont Aven, Haupt-Handlungsort und Haupt-Bühne des annähernd Theater-artigen Falls - Dupins erster Fall

Pont Aven, Haupt-Handlungsort und Haupt-Bühne des annähernd Theater-artigen Falls – Dupins erster Fall

Jean-Luc Bannalecs “Bretonische Verhältnisse” macht seinen Job gut. Die Sprache ist abwechslungsreicher als die Ermittlungstaktiken und die Geschichte ist durchgängig spannend, wenn sich uch einige Verhöre entschieden in die Länge ziehen und die Familie, die hier rund um den ermordeten besteht, zu langweilig, zu klischeehaft gezeichnet ist, was speziell die Verhöre, die sich stets als Gespräche tarnen, etwas langatmig macht.

Dennoch ist “Bretonische Verhältnisse” ganz entschieden ein spannendes Buch, ein Krimi mit diversen unerwarteten Wendungen und der Liebe zu Land und Leuten, ihren Essgewohnheiten und einem Schrulligen Gravity Center in Form des Kommissars, den man nicht mögen muss, aber leicht mögen kann.

Dupin ist eine sehr französischer gegenpol zu all den schwedischen Ermittlern der letzten Jahre, der seinen Platz in einem verkrusteten System weit schwerer findet. Daraus resultiert kaum Komik – die zwischen menschlichen Muster rasten fein um Dupin herum ein und er versteht, mit den Mächtigen zu spielen, ohne, dass die Mächtigen es verstehen würden. Das ist dann am Ende subtiler, als man zu Beginn vermutet und hält auch die Spannung hoch, da Dupin nicht nur an der Fall-Front steht, sondern immer auch an der Vorgesetzten Front agieren muss, Nolvenn geschickt einzusetzen weiß und gerne mal einen Anruf “verpasst”, wenn es der Sache dient.

Angenehm: Das Buch folgt nicht dem Trend, bluttriefender Serienmörderei, bei denen allzu detailverliebt zerfetzte Körperteile und seelische Grausamkeiten im Vordergrund stehen.

Fazit: Bretonische Verhältnisse

Schulnote: 2-
“Bretonische Verhältnisse” ist ein gehobener Krimi, ein Bühnenstück der gehobenen Art und ebenso spannend wie unterhaltsam, auch wenn der Krimi oft von der “Reiseliteratur,” die hier und da dann doch schon reichlich nach Bretagne-Werbung klingt, was vermutlich auch ein Stück weit darin begründet liegt, dass es sich bei dem Autor dieses Buches keineswegs um einen Eingeborenen handelt, wie der Klappentext gerne vermitteln möchte.

Dennoch ist Jean-Luc Bannalec hier ein aussergewöhnliches Buch gelungen, das man so schnell nicht wieder aus der Hand legen mag. Sein Ermittler taugt für mehr, gewinnt aber erst mit dem zweiten und dritten Fall an Facetten dazu, die ihn interessanter machen. Aber das ist ja irgendwie sinnvoll für einen ersten Aufschlag, damit auch die folgenden Auftritte spannend bleiben.

Und das bleiben sie, soviel sei verraten.



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